Anwendungsbereich - die Ausnahme mit den Kanten
Open Source und der CRA
Wann quelloffene Software erfasst ist
Die Verordnung nimmt quelloffene Software aus, solange sie außerhalb einer Geschäftstätigkeit bereitgestellt wird. Das Wort, an dem alles hängt, ist nicht quelloffen, sondern kommerziell.
Der Maßstab
Wo verläuft die Grenze?
Bei der kommerziellen Bereitstellung, nicht beim Preis
Maßgeblich ist, ob die Software im Rahmen einer Geschäftstätigkeit bereitgestellt wird. Der Preis ist dabei nicht entscheidend: Auch kostenlos abgegebene Software kann kommerziell bereitgestellt sein, und umgekehrt macht eine Spendenschaltfläche ein Projekt nicht zum Unternehmen.
Der Grund für die Ausnahme liegt auf der Hand: Die Verordnung will nicht, dass jemand, der ein Werkzeug in seiner Freizeit schreibt und ins Netz stellt, die Pflichten eines Herstellers trägt. Sie will aber verhindern, dass ein Unternehmen diese Ausnahme benutzt, indem es sein Produkt quelloffen nennt.
Die Quelloffenheit allein befreit nicht. Entscheidend ist, ob die Bereitstellung Teil einer Geschäftstätigkeit ist.
GrundlageArt. 2 CRA
Zum Durchgehen
Sechs typische Konstellationen und ihre Einordnung
| Konstellation | Einordnung | Warum |
|---|---|---|
| Freizeitprojekt, kein Support, keine Einnahmen | draußen | Keine Geschäftstätigkeit. |
| Projekt mit Spendenschaltfläche | in der Regel draußen | Spenden sind keine Gegenleistung für die Bereitstellung. |
| Freie Fassung neben einer bezahlten Enterprise-Fassung | drin | Die freie Fassung ist Teil des Geschäftsmodells und wird im Rahmen der Geschäftstätigkeit bereitgestellt. |
| Quelloffene Software mit bezahltem Support als Hauptgeschäft | drin | Die Bereitstellung erfolgt im Rahmen einer Geschäftstätigkeit. |
| Quelloffene Komponente in einem verkauften Produkt | drin | Erfasst ist das Produkt. Der Hersteller trägt die Pflichten, auch für eingebaute Fremdkomponenten. |
| Dauerhafte Unterstützung eines Projekts in geschäftlicher Absicht, ohne eigenes Produkt | eigene Rolle | Verwalter quelloffener Software mit reduzierten Anforderungen. |
GrundlageArt. 2 CRAArt. 13 CRA
Der Zwischenstatus
Die Rolle des Verwalters quelloffener Software: abgeschwächte Pflichten
Die Verordnung kennt eine eigene Rolle für Stiftungen, Vereine und Unternehmen, die die Entwicklung quelloffener Software dauerhaft und in geschäftlicher Absicht unterstützen, ohne sie selbst als Produkt in Verkehr zu bringen. Für sie gelten abgeschwächte Anforderungen.
Die volle Meldepflicht des Artikels 14, wie sie den Hersteller trifft, gehört nicht dazu. Praktisch wichtig ist trotzdem ein erreichbarer Weg: Hersteller, die diese Software einsetzen, müssen im Ernstfall jemanden erreichen können, und zwar innerhalb von Stunden.
Zwischenschritt, kostenlos
Zwischenschritt: Ihre Konstellation einordnen lassen
Der Betroffenheits-Check fragt nach der Bereitstellung und der Marktrolle und sagt Ihnen, ob die Ausnahme greift oder ob Sie als Hersteller gelten. Er nennt zu jeder Aussage die Fundstelle.
Die Lieferkette
Wer meldet, wenn die Lücke in einer fremden Bibliothek steckt?
Meldepflichtig ist der Hersteller des Produkts, in dem die Komponente steckt. Dass ein anderer den Fehler gemacht hat, verschiebt die Pflicht nicht. Das ist keine Härte, sondern die Kehrseite der Entscheidung, eine fremde Komponente einzubauen.
Für die Praxis heißt das zweierlei. Erstens: Wer quelloffene Komponenten einsetzt, braucht eine Stückliste, sonst dauert allein die Frage, ob man betroffen ist, länger als 72 Stunden. Zweitens: Wer eine Komponente einsetzt, deren Projekt auf einen einzelnen Menschen mit einem Postfach hinausläuft, sollte das als eigenes Risiko führen.
Nachgefragt
Häufige Fragen zu Open Source und dem CRA
- Fällt quelloffene Software unter den Cyber Resilience Act?
- Nicht, solange sie außerhalb einer Geschäftstätigkeit bereitgestellt wird. Die Verordnung nimmt freie und quelloffene Software aus, die nicht kommerziell bereitgestellt wird. Wird dieselbe Software kommerziell vertrieben, ist sie erfasst. Die Quelloffenheit allein befreit also nicht.
- Was bedeutet kommerziell bereitgestellt?
- Es geht um die Bereitstellung im Rahmen einer Geschäftstätigkeit, nicht um den Preis. Auch kostenlos abgegebene Software kann kommerziell bereitgestellt sein, etwa wenn sie ein bezahltes Angebot ergänzt oder wenn bezahlter Support dazugehört. Umgekehrt macht eine Spendenschaltfläche ein Projekt nicht automatisch kommerziell.
- Was ist ein Verwalter quelloffener Software?
- Eine eigene Rolle der Verordnung mit reduzierten Anforderungen. Sie trifft, wer die Entwicklung quelloffener Software dauerhaft und in geschäftlicher Absicht unterstützt, ohne sie selbst als Produkt in Verkehr zu bringen. Die volle Meldepflicht des Artikels 14, wie sie den Hersteller trifft, gehört nicht dazu.
- Wer meldet, wenn eine Bibliothek eines quelloffenen Projekts eine ausgenutzte Lücke hat?
- Der Hersteller des Produkts, in dem die Bibliothek steckt. Dass ein Dritter den Fehler gemacht hat, verschiebt die Meldepflicht nicht. Der CRA verlangt vom Hersteller ohnehin die Sorgfalt bei integrierten Komponenten.
Rechtsgrundlage im Wortlaut: Verordnung (EU) 2024/2847
Art. 2 und Art. 13 CRA im Wortlaut
Verordnung (EU) 2024/2847 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. Oktober 2024 über horizontale Cybersicherheitsanforderungen für Produkte mit digitalen Elementen
Kurz: Cyber Resilience Act (CRA) - ABl. L, 2024/2847, 20.11.2024
- Art. 2 CRA
Anwendungsbereich und Ausnahmen. Sektorrecht mit gleichwertigen Anforderungen geht vor, unter anderem für Medizinprodukte, Kraftfahrzeuge und Luftfahrt.
Zusammenfassung, kein Zitat. Der Wortlaut steht im verlinkten Volltext.
- Art. 13 CRA
Pflichten der Hersteller, darunter die Sorgfaltspflicht bei integrierten Komponenten und die Pflicht, Schwachstellen über den Unterstützungszeitraum zu behandeln.
Zusammenfassung, kein Zitat. Der Wortlaut steht im verlinkten Volltext.
Volltext auf EUR-Lex, deutsche Sprachfassung
Maßgeblich ist allein der im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlichte Wortlaut.
Fangen Sie mit der Stückliste an
Ob Sie quelloffene Komponenten einbauen oder selbst welche pflegen: Ohne ein Verzeichnis dessen, was in Ihrem Produkt steckt, ist die 72-Stunden-Frist nicht zu halten. Der Schnellstart erzeugt ein CycloneDX-Gerüst als Einstieg.
Produkt und Komponenten eintragen, CycloneDX-Datei herunterladen. Ein Anfang für das Gespräch mit der Entwicklung, keine fertige Stückliste.